Internetsucht - Eine nicht zu unterschätzende Gefahr
Das Internet ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Was für viele noch vor wenigen Jahren belächelt wurde, ist mittlerweile in Gewohnheit übergegangen. Für Nachrichten und Wettervorhersagen wird nicht mehr die Tageszeitung oder der Fernseher bemüht, ein paar Klicks genügen, um sich alle gewünschten Informationen auf den Bildschirm zu holen. Die Möglichkeiten sind unüberschaubar, vom Pizza-Lieferservice bis zum Diskussionsforum für Fußfetischisten befriedigt das Internet fast alle menschlichen Bedürfnisse. Äußerlichkeiten, sozialer Status, Einkommen und Herkunft spielen keine Rolle. Denn wem sein reales Selbst nicht gefällt, kann sich problemlos ein neues Ego erschaffen. Wer keine privaten Daten preisgibt, bleibt völlig anonym und kann in einem Parallel-Universum untertauchen, für das ganz eigene Regeln gelten. Hier kann mit verborgenen Facetten der eigenen Persönlichkeit gespielt werden, die im wirklichen Leben keine Existenzberechtigung haben, ohne dafür die Konsequenzen tragen zu müssen.
Das Internet schläft nie. Egal, welche Interessen man verfolgt, Webseiten stehen immer und jederzeit zur Verfügung, Foren und Chatrooms sind nie leer. Wer kommunizieren will, findet einen Ansprechpartner, wer eine Frage stellt, bekommt eine Antwort. Wer selbst antwortet, kann das Gefühl genießen, jemandem geholfen zu haben. All das ist möglich, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen. Virtuelle Freundschaften sind schnell geschlossen, ohne seinen Gesprächspartner jemals gesehen zu haben. Zahlreiche Communities bieten Extra-Funktionen wie Tagebücher und Foto-Uploads, die Beziehungen zu anderen scheinbar vertiefen. In genau dieser Leichtigkeit liegt jedoch auch die Gefahr der Internetnutzung. Das Gefühl, die Welt läge einem zu Füßen, ohne dafür viel zu leisten, verdrängt die Sorgen der realen Welt, in der die Steuererklärung neben dem Geschirrberg wartet und das Geschäftsessen Zeit und Nerven frisst.
Das Internet bietet stets das, was man darin sucht. Fordern tut es dafür nichts, lediglich Zeit. Gerade darin besteht das Hauptproblem, da exzessive Internetnutzung die Zeit verbraucht, die eigentlich zur bloßen Bewältigung des Alltags erforderlich ist.
Wer sich nicht mehr von seinem Rechner lösen kann, vernachlässigt sukzessiv sich selbst, Freunde, Familie und seinen Beruf. Wer auf dem schmalen Grat der Bedürfnisbefriedigung nicht balancieren kann, riskiert den Zusammenbruch seines sozialen und gesellschaftlichen Umfeldes.
Das Internet ersetzt dann dessen Funktionen, natürlich ohne diesem Anspruch jemals gerecht werden zu können. Dieser Verlust der Kontrolle über das eigene Leben bewirkt nicht selten einen völligen Rückzug aus der Verantwortung, sich seinen Problemen zu stellen. Das Internet tröstet, Gleichgesinnte fangen einen auf und lenken einen von der Notwendigkeit ab, den Konsum zu reduzieren und seinen Lebensmittelpunkt zurück in die Realität zu verlegen. Wem keine neutrale Hilfe mehr zur Verfügung steht, hat kaum eine Chance, diesem Kreislauf zu entkommen.
Wie bei einer normalen Sucht führt auch hier der Verzicht zu klassischen Entzugssymptomen. Reizbarkeit, Nervosität und Schlafstörungen sind nur einige Folgen der reduzierten oder ausgesetzten Internetnutzung. Was für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist, wird für die Betroffenen zur schmerzhaften Realität, wenn die Internetverbindung einmal abbricht oder der PC den Geist aufgibt. Die dann auftretenden Entzugserscheinungen als Reaktion auf den Verlust bestärken den User nur in seinem Glauben, dass das Internet seinem Wohlbefinden zuträglich sei.
Besonders gefährdet sind zu Depressionen neigende Menschen und solche, die im Alltag großen Belastungen ausgesetzt sind. Das Internet bietet dann eine willkommene Fluchtmöglichkeit, um sich von realen Strapazen abzulenken.
Die Einsicht des eigenen Fehlverhaltens ist entweder gering oder dessen Brisanz wird vor sich selbst und anderen heruntergespielt. Ähnlich wie beim Alkoholkonsum fällt dies lange Zeit nicht schwer, da auch das Internet ein gesellschaftlich akzeptiertes Konsumgut darstellt, dem man sich auch gar nicht verwehren soll. Welches Ausmaß dieses Treiben in den eigenen vier Wänden annimmt, bleibt im Regelfall verborgen, bis tatsächlich Freundeskreis und Beruf darunter leiden.
Die Behandlung dieser Sucht stellt für alle Beteiligten eine große Herausforderung dar, da es kaum möglich ist, einen Betroffenen komplett von der Internetnutzung auszuschließen, da immer mehr alltägliche Verrichtungen internetgestützt sind und ständige Erreichbarkeit häufig vom sozialen und beruflichen Umfeld vorausgesetzt wird.
Da die Internetsucht als Verhaltenssucht eingestuft wird, für dieses Feld der psychischen Störungen jedoch noch keine inhaltlichen Diagnosekriterien erarbeitet wurden, ist die naheliegendste Behandlung eine Verhaltenstherapie, die Anreize schafft, sich selbstständig vom Medium Internet zu distanzieren und wieder mehr Verantwortung im Alltag zu übernehmen, diesen selbst zu gestalten. Eine erste Hilfe können hier sogar Diskussionsforen darstellen, da es Betroffenen leichter fallen kann, ihre eigenen Schwierigkeiten zu akzeptieren, wenn sie des Problembewusstseins Gleichgesinnter gewahr werden. Hier besteht zwar die Gefahr, erneut in den Kreislauf der Bestätigung durch andere und deren Erwartungshaltung an die eigene Partizipation an immer neuen Diskussionen zu geraten, dennoch kann der Austausch ein Auftakt zur